Diplomat trifft Diplomatin

Renata Alt mit Dr. Klaus Kinkel, Aussenminister a.D. und Judith Skudelny, MdB (v.l.)
Renata Alt mit Dr. Klaus Kinkel, Aussenminister a.D. und Judith Skudelny, MdB (v.l.)
Die Märkte würden die Politik vor sich hertreiben. Auch erweist sich als zunehmend schwierig, die Synergieeffekte in Europa zu heben. Dafür sei eine Wirtschafts- und Finanzunion zwingend, sonst komme ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Deutschland warf er in dem Zusammenhang vor, politisch zu zurückhaltend zu agieren und seine Verantwortung nicht wahrzunehmen. "In Deutschland wird zu viel geredet, zu wenig gehandelt", monierte Kinkel. Auch müsse sich das Land viel stärker in Bildung und Forschung engagieren. "Davon leben wir", betonte er. Wir sind aber dabei, den Ruf zu verspielen, ein Land der Ingenieure zu sein. Mit den Exportschlagern aus Chemie- und Elektroindustrie, Auto- und Maschinenbau lebe Deutschland von den Erfolgen der Vergangenheit. Asien und Amerika würden das jetzige Jahrhundert dominieren, vor allem China als neue Weltmacht, Europa dagegen an Bedeutung verlieren.

Für die Krisenherde Ägypten und Syrien ebenso wie für Libyen und den Iran, alles Länder von großer strategischer Bedeutung, sind seine Prognosen eher pessimistisch. Demokratie in unserem Sinne werde es in absehbarer Zeit kaum geben, selbst wenn sie sich eines Tages stabilisieren. In Nahost gehe die größte Kriegsgefahr von einem atomaren Präventivschlag Israels aus, was sich allerdings akut nicht abzeichnet.

Zum Schluss ging Kinkel auf die anstehenden Wahlen ein. Er sieht im Grunde keine Wechselstimmung. Die Präferenz der Deutschen für eine große Koalition erklärt er mit dem irrtümlichen Glauben, dass damit auch große Probleme zu lösen sind. "Das Gegenteil ist der Fall."


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